Als in Herzogenaurach die Bilder laufen lernten.......
Die Firma Haberzettl feiert ihren 75.Geburtstag: eine Familiensaga mit fränkisch- böhmischen Dimensionen

Wenn Tschechen und Deutsche nach mehr als 50 Jahren immer noch um eine zufriedenstellende Form des Zusammenlebens in Europa ringen, wenn die Staatspräsidenten Vaclav Havel und Roman Herzog engagiert und überzeugend für Verständigungsbereitschaft und Aussöhnung werben, dann erinnert sich Gerhard Haberzettl, Seniorchef des führenden Medienfachgeschäftes am Ort, an die eigene Vergangenheit ohne dabei Emotionen wecken zu wollen. Bevor die Haberzettls ihre derzeitige Position in Herzogenaurach gewannen, hatten sie eine Berg- und Talfahrt zu meistern, die nur deshalb erfolgreich endete, weil man energisch um einen Neuanfang bemüht war und auch des öfteren das Quentchen Glück auf seiner Seite hatte.

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Von Franken nach Böhmen und zurück
Die Brüder Gerhard, Günther und Peter Haberzettl, kamen im Sudetenland auf die Welt, das ja seit dem Münchner Abkommen vom September 1938 wieder zu Deutschland gehörte. Sie wohnten in Karlsbad und waren - wie so viele - Nachkommen von Einwanderern, die man vor einigen Jahrhunderten ins Egerland lockte, um dort den wirtschaftlichen Aufbau zu beschleunigen. Der frühere Herzogenauracher Stadtpfarrer Ritter fand in Quellen des hiesigen Pfarrarchivs den Namen Haberzettl, die am Rahmberg beim "Wiwa-Weiher" zu Hause waren, wo einst die Rahmen der Tuchmacher standen. Als An- und Oberzettler, so nannte man die Tätigkeit des Aufsteckers der Spulen, haben sie später ihren Familiennamen erhalten und sind im 15. Jahrhundert nach Böhmen ausgewandert. Das sie etwa 500 Jahre danach wieder in die alte Heimat zurückkehrten, freilich nicht freiwillig, gehört zu den unvorhergesehenen Eskapaden der Geschichte. Vater Adolf Haberzettl, ein gelernter Kaufmann, beschäftigte sich in den 20er Jahren mit der aufblühenden Rundfunktechnik. Bereits ab 1930 gab es ein Fachgeschäft in Karlsbad, das wegen des günstigen Standortes an einer der Eger-Brücken bald regen Zulauf hatte. Die "Volksempfänger-Politik" des Dritten Reiches - jede deutsche Familie sollte ein Rundfunkgerät besitzen, um empfänglicher für die Naziideologie zu sein - brachte weiteren Aufschwung, so daß es beispielsweise kein finanzielles Problem mehr war, den 1934 erstgeborenen Sohn Gerhard aufs Gymnasium zu schicken. Der Rückschlag erfolgte kurz vor Kriegsende, als alliierte Bomber das Geschäft in Karlsbad zerstörten und 1946, als man die Haberzettls enteignete, ihnen binnen einer Stunde auch noch das Haus wegnahm. Sie hatten das Glück, für einige Zeit in einer Gärtnerei unterzukommen, die Verwandten gehörte. Doch im April 1947 wurden sie zusammen mit zahlreichen anderen Sudetendeutschen ausgewiesen, und zwar mit lediglich 50 kg Gepäck pro Person. Über Wiesau an der bayerischen Grenze gelangten sie nach Bamberg. Der Kreis begann sich zu schließen. Man war nach Franken zurückgekehrt.

Glück im Unglück
In der oberfränkischen Bischofsstadt hatte die inzwischen fünfköpfige Familie, die Söhne Günther und Peter waren 1939 bzw. 1941 geboren, großes Glück, denn die ersten 30 Zugwaggons wurden nach Dresden weitergeleitet, währen die Haberzettls, zufällig im 31. Wagen untergebracht, ein paar Wochen in Bamberg bleiben konnten. Sie wurden mit den übrigen in einer leerstehenden Schule von Ordensschwestern versorgt, und der 13jährige Gerhard half beim Kartoffelschälen und bei anderen Küchenarbeiten, um Essensreste "abzustauben" und dadurch die Verpflegungssorgen der Familie zu verkleinern. Noch im gleichen Jahr ( 1947 ) erfolgte eine kurzzeitige Umsiedlungsaktion nach Adelsdorf in ein ehemaliges Lager des Reichsarbeitsdienstes, bis dann die Flüchtlinge auf die Häuser von Einheimischen verteilt wurden. Die Haberzettls waren dem Hammerbacher Bauern Konrad Hussenether zugewiesen worden, der sie mit Traktor und Pritschenwagen abholte und sie in ein beschlagnahmtes Zimmer seines Anwesens einquartierte. Die Stimmung war anfangs noch gespannt, denn wer beherbergte schon gern und bereitwillig Fremde. Doch entwickelte sich bald ein gutes Verhältnis, weil der Hammerbacher Landwirt erkannte, daß er es mit einer anständigen und leistungswilligen Familie zu tun hatte. In der winzigen "Einzimmerwohnung", 16 Quadratmeter für fünf Personen, gab es einen kleinen Herd, den man mit Hilfe des zu jener Zeit typischen Bezugsscheines erhalten hatte; das nötige Holz besorgten vor allem die Kinder im Wald und zusammen mit Vater und Mutter suchten sie Beeren oder Pilze, weil dadurch der Speiseplan abwechslungsreicher wurde. Vater Adolf Haberzettl wurde Flüchtlingsobmann für Hammerbach, das damals mit Welkenbach und Nankendorf eine selbständige Gemeinde bildete. In dieser Vertrauensposition lernte er viele Leute kennen und knüpfte Verbindungen, die später geschäftliche Vorteile bringen sollten.

Die Anfänge des Wirtschaftswunders
Kurz vor der Währungsreform im Juni 1948 riskierten der Neu-Franke und sein ältester Sohn Gerhard den Weg in die berufliche Selbständigkeit, eine Chance, die sich aufgrund der Karlsbader Erfahrungen und der fehlenden Alternativen aufdrängte. Man mietete eine Werkstatt in der Herzogenauracher Kellergasse, eigentlich eine Waschküche, wo man täglich in den offenen Kanal blickte. Als die Währungsreform vollzogen war, kostete das Provisorium 50 DM pro Monat, ein Viertel von dem, was die beiden "Jungunternehmer" verdienen mußten, damit sich die Familie über Wasser halten konnte. In einem Regal, so erinnert sich der heutige Seniorchef, standen drei bis vier Radios als Verkaufsmodelle, hauptsächlich Grundig-Geräte, die man vor dem Stichtag der Währungsreform noch gegen Zigaretten, Gold- bzw. Silberarbeiten oder Buntmetall im Nürnberger Werk eintauschte. Verkauf, Instandsetzung und Reparaturen gehörten zum Service des frisch gegründeten Fachgeschäftes, das schnell vom beginnenden deutschen Wirtschaftswunders profitierte, in dem Unterhaltungselektronik eine bedeutende Rolle spielte. Außerdem half das "Marketing-Geschick" Adolf Haberzettls, der sich Karteikarten mit tatsächlichen und möglichen Kunden anlegte, weiterhin Werbebriefe an Interessenten verschickte , die über eine beiliegende Postkarte problemlos bestellen konnten: für die noch relativ chaotische Nachkriegszeit eine Stütze, die oft dankend angenommen wurde. Wichtig waren nun auch die zahlreichen Verbindungen des früheren Sudetendeutschen zu vielen Vertriebenen aus ehemaligen deutschen Ostgebieten, weil jene gerade in Herzogenaurach und Umgebung einen breiten Markt darstellten. Bereits ein Jahr nach der Gründung des Geschäftes in der Kellergasse "leisteten" sich die beiden "Seiteneinsteiger" ein Motorrad, eine "Triumph", die man über den Zimmerers Sepp für etwa 1000 DM aus Nürnberg abholte. Jetzt waren die Haberzettls mobil und konnten die Rundfunkgeräte ohne besondere Schwierigkeiten liefern, vor allem als der Sattler Haselmann in der Goethestraße einen "Luxusrucksack" anfertigte, in dem sich bis zu vier Radios verstauen ließen. Sohn Gerhard, obwohl zunächst seines Alters ohne Führerschein, übernahm diesen Service. Er wurde so erfolgreich, daß er immerhin einigen Oberärzten des Sanatoriums auf der Jägersburg bei Forchheim Apparate verkaufte, während er eigentlich nur en kranken Vater besuchen wollte. Noch eindrucksvoller ist allerdings die Geschichte, die sich in Kairlindach zutrug, wo eine Witwe beim Handeln an der Haustür jeglichen Kauf ablehnte, weil sie ja schließlich zuerst ein Gebiß brauchte. "Dann essens halt a Zeitlang an Brei beim Radiohören", lautete die einfache Logik des jungen Hausierers aus Herzogenaurach. Das Rundfunkgerät für immerhin stolze 350 DM wechselte darauf hin tatsächlich den Besitzer. Wie lange die "dritten Zähne" deshalb zurückstehen mußten, hat unser Informant nie erfahren.

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Sehen und gesehen werden
Ein weiterer Schritt auf dem Weg zur gesicherten Zukunft wurde das Anmieten der Eisdiele Römmelt. Das kleine Gebäude gegenüber dem Türmersturm, zufälligerweise heute wieder ein Eisladen, diente in den Wintermonaten als Ausstellungsraum, so daß mehr Kontakt zur Öffentlichkeit hergestellt war. Für das bisher etwas abseits gelegene Kellergassengeschäft zweifellos eine wichtige Ergänzung, auch wenn zusätzlich 120 DM im Monat berappt werden mußten. Die Wohnsituation konnte kurz darauf ebenfalls verbessert werden: 1952 verließen die Haberzettls ihr längst zu eng gewordenes Domizil in Hammerbach und zogen für ein Jahr als Mieter in die Adalbert-Stifterstraße . Dort hatte Herzogenaurachs damaliger Bürgermeister Hans Maier ( SPD ) preisgünstige städtische Grundstücke zur Verfügung gestellt, um gerade Flüchtlingen und Vertriebenen ein qualitativeres Leben zu ermöglichen. Die Wohnungsnot sollte gelindert, der Eigenheimbau vorangetrieben werden. Die Einweihung des ersten Siedlungshauses, natürlich eine Aktion für die gesamte Bevölkerung der Stadt, über die auch die Presse gebührend berichtete, nutzten die Rundfunkspezialisten, um in jedem Zimmer ein Radiogerät zu installieren, ohne dabei die Eigenwerbung zu vergessen: ein gelungener Effekt, der sich bald in den Verkaufszahlen bemerkbar machte. Ein Jahr später gab die nun bereits florierende kleine Firma ihr "Kellerkinder-Dasein" endgültig auf, denn der Herzogenauracher Geschäftsmann Georg Kummeth vermietete Laden plus Werkstatt und Wohnung in seinem Schloßgraben-Anwesen, gleich oberhalb der Hauptstraße. Er hatte sich unter zahlreichen Bewerbern für die Haberzettls entschieden, weil diese ihm einige Monate zuvor den defekten Rundfunkempfänger für 15.50 DM (!) repariert hatten. Nun prangten die blitzenden Geräte der Marken Nordmende, Blaupunkt, Telefunken, Philips, Grundig direkt im Zentrum der Stadt, im Winter sogar doppelt, weil man den kleinen Ausstellungsraum weiterhin angemietet hatte. Die Marktanteile der Unterhaltungselektronik in Herzogenaurach und Umgebung verschoben sich nun immer mehr zugunsten der Fa. Haberzettl. Die Konkurrenz z.B. die Firma Weiler, die damals noch selbst Rundfunkempfänger produzierte, war nicht existenzbedrohend, so daß man deren Geräte mit dem Markenlog ERW ebenfalls im eigenen Laden verkaufte.

Big Business und harte Dollar
Die Präsenz der Besatzungsmacht USA auf der Herzogenauracher HERZO BASE kann man als Glücksfall bezeichnen, so rückblickend Gerhard Haberzettl, denn die Kaufkraft der GI's (ein Dollar entsprach vier D-Mark ) und deren Bedürfnisse ( Wunsch nach einem Lebensstandard wie zu Hause) waren bald dafür verantwortlich, daß sich die Kundschaft enorm vergrößerte. Besonders die riesigen Musikschränke mit integrierten Radio, Plattenspieler, Tonband und Lautsprecherboxen hatten es den US-Amerikanern angetan. In manchen Monaten wurden von der Herzogenauracher Firma LKW-Weise Grundig Musikschränke zur Militärbase geliefert. Der Standortkommandeur war über den Service so begeistert, weshalb die Haberzettls im Offiziersclub eine Ausstellung ihrer Produkte organisieren durften. "Da war was los", erinnert sich der heutige Seniorchef, "wir sind mit dem Schreibe von Aufträgen nicht mehr nachgekommen!" Die Geschäftsleute hatten glücklicherweise den Deal mit den Besatzern und deren Familien gut vorbereitet. Die Verträge lagen auf englisch vor, außerdem wurde der Ratenverkauf ermöglicht ( Anzahlung 10%, Rest in 12 Monatsraten), was ja den amerikanischen Gepflogenheiten sehr entgegenkam. Die Firma Haberzettl hat anfangs der fünfziger Jahre einen großen Kundenstamm aufgebaut, sie hatte nur ganz selten Probleme mit US-Schuldnern, wahrscheinlich auch eine Folge der Tatsache, daß man sogar privat eingeladen und herumgereicht wurde.

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Als die Bilder laufen lernten
Ab 1951/52 begann in Westdeutschland der Siegeszug des Fernsehens, natürlich zunächst in Schwarz/Weiß. Hören und Sehen lautete von nun an die Devise, erneut eine große Chance für das junge Herzogenauracher Fachgeschäft, weil die Neugier längst geweckt war, so daß sich eine erfolgreiche Zukunft abzeichnete. Freilich auch eine Herausforderung für das knappe Personal, denn es mußten ja neue Techniken erlernt und vor allem umgesetzt werden. Der Schmied Helmut Drebinger wurde zum unentbehrlichen Geschäftspartner, mit dem man die Antennen in der Werkstatt montierte, bevor diese dann mit Seilen aufs Dach gehievt wurden. Eine oft schweißtriefende und zeitintensive Arbeit, da manche "Uralt-Dachstühle" die schweren Antennenkonstruktionen nur aushielten, wenn man sie mit Stahlseilen absicherte: so zum Beispiel im alten Wohnhaus Adi Dassler, der neben den Gebrüdern Kern in der Schillerstraße und der Firma Kühn zu den ersten Fernsehkunden der Haberzettls gehörte. Schließlich und endlich konnte sich der angehende Sportschuhgigant über den wertvollen handgeschnitzten Cuba-Schrank im Wohnzimmer freuen, der neben dem ausfahrbaren Plattenspieler ein Fernsehgerät beherbergte und etwa 4000 DM kostete. Zum Vergleich. Für einen Volkswagen der Standardklasse zahlte man damals auch nicht mehr als viereinhalbtausend D-Mark. Die Fa. Kühn am Welkenbacher Kirchweg ließ sich viel einfacher an die große Fernsehwelt anschließen. Der Firmenchef, zusammen mit einem befreundeten US-Offizier Jagdpächter rund um Mausdorf, organisierte in einer Nacht- und Nebelaktion aus der dortigen Militärfunkstation einen auf 12m ausfahrbaren Mast, worauf die Antenne montiert wurde. Die Fersnehtechnik begann das Stadtbild zu verändern. 1954 wurde Deutschland Fußballweltmeister. Das denkwürdige Endspiel gegen Ungarn verfolgte viele Herzogenauracher an zwei "Brennpunkten": Ein Fernsehgerät der Fa. Weiler stand am östliche Hoftor des Betriebsgeländes gegenüber dem längst abgerissenen Volkshaus. Drei andere übertrugen die "Schlacht im Berner Wankdorf-Stadion" bei den Haberzettls im Schloßgraben. Die Familie hatte das Wohnzimmer ausgeräumt, ca. 40 Stühle aus dem Hotel Krone geholt und die Honoratioren der Stadt eingeladen, allen voran Bürgermeister Maier. Diese gelungene PR-Aktion wurde übertroffen von der Wirkung der beiden anderen Geräte im Schaufenster, die schnell von Menschentrauben umlagert waren. Bis hinunter zum ehemaligen Fahrradgeschäft Kurr ( heutige Schuhhaus Bauer) drängelte sich die Zuschauermenge. Die Beobachter in den hintersten Reihen kletterten auf Stühle und versuchten mit Feldstechern das Geschehen auf dem Bildschirm zu verfolgen. Beim 3: 2 Siegestor durch Helmut Rahn, so erinnert sich Gerhard Haberzettl, hätten die Begeisterten beinahe die Schaufenster eingedrückt.

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